Was ist Sentimentanalyse – und warum ist sie für das Recht relevant?
Die Sentimentanalyse ist ein Verfahren der computergestützten Sprachverarbeitung (Natural Language Processing, NLP), das Stimmungen und Einstellungen in Texten maschinell klassifiziert. Im juristischen Kontext bedeutet das konkret: Gerichtsentscheidungen werden nicht mehr nur inhaltlich gelesen, sondern auf ihre Tendenz hin ausgewertet – als quantifizierbarer Wert, der Auskunft darüber geben kann, ob ein Gericht einem bestimmten Anspruch gegenüber eher aufgeschlossen oder ablehnend eingestellt war.
Der Ausgangsbefund des Aufsatzes ist unbequem, aber kaum zu bestreiten: Die deutsche Rechtswissenschaft ist empirisch unterbelichtet. Während die dogmatische Fortbildung das Feld dominiert, fehlen quantitative Methoden zur Erfassung juristischer Zusammenhänge weitgehend. Die Sentimentanalyse kann hier ein Ansatz sein – als Metrik, die juristische Sachverhalte in Zahlen erfasst und Zusammenhänge sichtbar macht.
Zwei Methoden, ein Ziel
Der Aufsatz stellt zwei methodische Grundansätze gegenüber. Beim lexikonbasierten Ansatz wird jedem Wort eines Textes ein vorab definierter Sentimentwert zugeordnet; der Gesamtsentimentwert ergibt sich als Durchschnitt über den gesamten Text. Der Ansatz punktet durch Transparenz und Nachvollziehbarkeit, stößt aber im juristischen Bereich schnell an Grenzen. Juristische Fachsprache weicht erheblich von allgemeiner Sprache ab.
Beim maschinellen Lernen hingegen lernt ein Modell aus annotierten Textbeispielen, wie unterschiedliche Stimmungen aussehen. Es erkennt auch Zusammenhänge zwischen Wörtern, die ein lexikonbasierter Ansatz nicht abbilden kann. Der Preis dafür ist eine erheblich höhere Anforderung an Qualität und Umfang der Trainingsdaten.
Das eigentliche Hindernis: fehlende Daten
Weniger als 3 % der jährlich ergehenden deutschen Gerichtsentscheidungen werden veröffentlicht, wobei die Quote in der ordentlichen Gerichtsbarkeit regelmäßig noch darunter liegt. Der überwiegende Teil dieser Entscheidungen ist zudem nicht in maschinenlesbarer Form abrufbar. Ein NLP-Modell, das auf einem derart kleinen und nicht repräsentativen Korpus trainiert wird, kann die tatsächliche Bandbreite juristischer Argumentationsmuster nicht zuverlässig abbilden.
Zwei Anwendungsfelder mit praktischer Relevanz
Gleichwohl zeigt der Aufsatz konkrete Felder auf, in denen die Sentimentanalyse bereits heute einen Mehrwert schaffen kann.
Zum einen der Zugang zum Recht: Durch die automatisierte Auswertung von Gerichtsentscheidungen, Vertragsdokumenten oder behördlichen Bescheiden auf ihre inhaltliche Tendenz hin können komplexe Rechtsinhalte für Laien zugänglicher aufbereitet werden. Im Kontext von Legal Tech und KI-gestützten Beratungstools – einem Bereich, der im Datenschutz- und IT-Recht zunehmend an Bedeutung gewinnt – ist das ein wichtiger Gedanke.
Zum anderen die Risikoanalyse in der anwaltlichen Beratung: Wenn eine Vielzahl von Urteilen eines bestimmten Gerichts zu einem bestimmten Anspruch auf ihren Sentimentwert hin ausgewertet wird, lässt sich eine Tendenz ableiten, die die Einschätzung von Prozessrisiken auf eine breitere empirische Grundlage stellen kann, als es die Lektüre einzelner Entscheidungen vermag. Diesen Ansatz verbindet der Aufsatz mit dem Forschungsfeld des „Legal Judgment Prediction" (LJP), das im internationalen Kontext bereits weiter entwickelt ist als im deutschen Rechtsraum.
Ausblick
Eine umfassendere Verfügbarkeit gerichtlicher Entscheidungen ist Voraussetzung dafür, dass Methoden wie die Sentimentanalyse ihr Potenzial für den Zugang zum Recht und die anwaltliche Beratung tatsächlich entfalten können. Technische Lösungsansätze allein kommen an dieser Grenze nicht weiter. Der Ruf nach mehr Veröffentlichungen und Zugänglichkeit von Urteilen ist eine Forderung, die in diesem Kontext immer wieder wiederholt werden muss.
Der vollständige Aufsatz ist in der Legal Tech Zeitschrift (LTZ), Ausgabe 02/2026 erschienen.
Domenic Trybull ist Rechtsanwalt für Datenschutz- und IT-Recht sowie Legal Engineer bei LIT LEGAL in Leipzig. Seine Beratungsschwerpunkte umfassen DSGVO-Compliance, IT-Vertragsrecht und KI-Recht. Er berät Start-ups und KMU bundesweit.
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